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Geschichte trifft KI
16.03.2026 | Geschichte
Wie lebten Menschen zur Zeit der Industrialisierung – und wie unterschiedlich nahmen sie diese Veränderungen wahr? Mit diesen Fragen beschäftigten sich drei neunte Klassen in einer besonderen Unterrichtssequenz im Fach Geschichte.
Zu Beginn begegneten die Schülerinnen und Schüler vier historischen Figuren: einer Arbeiterin, einem Fabrikbesitzer, einem Publizisten und einem Handwerksmeister. Diese Figuren wurden mithilfe von KI als Gesprächspartner gestaltet und standen jeweils für unterschiedliche gesellschaftliche Perspektiven der Industrialisierung. Im Dialog mit ihnen erkundeten die Lernenden zentrale Themen der Epoche – etwa Arbeitsbedingungen, wirtschaftliche Interessen oder gesellschaftliche Veränderungen. Dabei wurde schnell deutlich: Jede Figur konnte nur aus ihrer eigenen Perspektive berichten. So entstand Schritt für Schritt ein vielschichtiges Bild dieser Zeit.


Die Arbeiterin

Der Handwerker

Der Publizist
Anschließend entwickelten die Schülerinnen und Schüler eigene Prompts für ein Historiengemälde im Stil des Realismus. Sie überlegten, welches Thema sie darstellen wollten, welche Perspektive ihr Bild einnehmen sollte und welche Aussage sie damit verbinden wollten. Die Gemälde wurden anschließend mithilfe von KI generiert.
Die Ergebnisse wurden in einem digitalen Museumsrundgang in Form einer interaktiven Präsentation gesichtet. Dort konnten die Schülerinnen und Schüler die Werke betrachten, vergleichen und gemeinsam analysieren, welche Aspekte der Industrialisierung besonders häufig aufgegriffen wurden – und welche eher in den Hintergrund traten. Viele Bilder griffen vor allem den Gegensatz zwischen wohlhabenden Fabrikbesitzern und der Arbeiterbevölkerung auf. Häufig nutzten die Schülerinnen und Schüler dabei auch symbolische Elemente – etwa Brücken oder Straßen –, um soziale Unterschiede sichtbar zu machen.
Zum Abschluss stand eine ausführliche Reflexion des gesamten Projekts im Mittelpunkt. Waren die Informationen der vier fiktiven Zeitgenossen überhaupt zuverlässig? Welche Technik steckt hinter dem Erzeugen ihrer Aussagen? Wie wären echte Gespräche mit Menschen aus dem frühen 19. Jahrhundert verlaufen?
Auch die Frage, wie die erzeugten Gemälde einzuordnen sind, wurde von den Schülerinnen und Schülern diskutiert. Welche Sichtweise auf die Industrialisierung spiegeln sie wider? Sagen sie nicht mehr über uns als über die Menschen des 19. Jahrhunderts aus? Wie würde eine echte Ausstellung mit historischen Gemälden zur Industrialisierung aussehen – und worin unterscheiden sich unsere KI-generierten Bilder davon?
Schließlich stellten sich zwei zentrale Fragen: Kann man aus den KI-Ergebnissen die Eigenleistung der Schülerinnen und Schüler ablesen – und diese auch bewerten? Und überhaupt: Haben wir etwas gelernt, und wenn ja, was? Etwas über den Einsatz von KI? Etwas über die Zeit der Industrialisierung – oder vielleicht auch über uns selbst und unsere Vorstellungen von gesellschaftlichem Zusammenleben?
Gerade diese kritische Auseinandersetzung machte deutlich, dass der Einsatz von KI im Unterricht nicht nur neue kreative Lernwege eröffnet, sondern auch ein reflektiertes Nachdenken über Geschichte und digitale Technologien anregen kann. In gewisser Weise spiegelt sich darin eine Erfahrung wider, die schon die Zeitgenossen der Industrialisierung beschrieben haben – etwa Alexis de Tocqueville, der 1840 feststellte: „Eine neue Welt entsteht vor unseren Augen.“

Während des Projekts kam die KI-Plattform telli zum Einsatz, die das Land Nordrhein-Westfalen seit 2025 Schulen zur Verfügung stellt. Sie soll einen datenschutzkonformen Einsatz von KI im Unterricht ermöglichen und Schülerinnen und Schüler zu einem reflektierten Umgang mit dieser Technologie anleiten.






























































